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Der Spiegel - 21. 11. 2005
Welt
am Sonntag, Berlin - Marlenes
Deutschland kehrte sie 1931 den Rücken, Berlin jedoch hat sie stets geliebt. Jetzt enthüllt die Autorin Birgit Wetzig-Zalkind brisante Details aus Dietrichs frühen Jahren Es gibt Menschen, von denen glaubt die Öffentlichkeit, alles zu wissen. So viel wurde über sie geschrieben. Marlene Dietrich gehört ohne Zweifel dazu. Doch in der bekannten Biographie der Berliner Diva klafft ein großes Loch: ihre Berliner Jahre. Das fiel der Stadtführerin Birgit Wetzig-Zalkind auf, als sie eine Dietrich-Tour durch die Hauptstadt zusammenstellen wollte. Wetzig-Zalkinds Neugier war geweckt, und so begab sie sich auf Spurensuche. Zum Beispiel in Marlenes alter Schule, dem Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf (früher Viktoria-Luise-Schule). Dort wußte niemand von der prominenten Ex-Schülerin, als die Autorin mit dem investigativen Gespür vorsprach. Ein Lehrer bestand sogar darauf, das könne nicht sein. Gerade hatte die Schule zum Jubiläum eine Festschrift erstellt, aber Marlene war darin mit keinem Wort erwähnt. Wetzig-Zalkind stöberte die alten Schulunterlagen im Landesarchiv auf. Dort standen sie, in Kisten verwahrt, im Keller. Doch Wetzig-Zalkind hat nicht nur neue Sachen herausgefunden. Auch alte Legenden berichtigt sie: Marlene Dietrich mochte eine gute Geschichte lieber als eine nur wahre. Sie erzählte immer wieder, daß ihr Vater an den Folgen eines Reitunfalls gestorben sei - dabei raffte ihn die Syphilis dahin. Oder sie behauptete, daß sie bei Max Reinhardt Schauspielunterricht gehabt habe, dabei war es nur sein Assistent Berthold Held und auch nur drei Monate lang - denn sie war durch die Prüfung gefallen. Die Legenden ziehen sich durch die Biographien. "Da hat leider einer vom anderen abgeschrieben", bedauert Wetzig-Zalkind. Sie hat sich nicht auf fremde Recherche-Ergebnisse verlassen, sie ging ins Archiv der Marlene Dietrich Collection Berlin (MDCB). Dort bekam sie sogar Zugang zu Marlenes Tagebüchern. Das erste Tagebuch bekam die kleine Marlene als 10jährige zu Ostern 1912 von ihrer Lieblingstante Vally geschenkt. Das Büchlein wurde vor allem in melancholischen Stunden zum Trost. Marlene bezeichnete es selbst als "sentimentales Stimmungsbuch". Sie schrieb unregelmäßig hinein. Wetzig-Zalkind: "Ich konnte über alltägliche Dinge lesen, etwa, daß Marlene sich, wie jedes andere junge Mädchen, mit ihrer Familie stritt, oder auf der Suche nach einer neuen Freundin war. Die ganze Zeit aber nehmen ihre Schwärmereien den größten Raum ein, ob nun für Tante Vally, diverse Jungs aus der Nachbarschaft oder den Stummfilmstar Henny Porten." Auch die Briefe, die Marlene nach 1926 mehr und mehr schrieb, konnte sie dort lesen. Die meisten Briefe und Telegramme stammten von ihrem Gatten Rudolf Sieber, genannt Rudi. "Hellhörig wurde ich durch ein Telegramm Rudis aus dem Jahre 1935, in dem stand, daß Marlene auf keinen Fall den Ehevertrag bei einer Steuerangelegenheit erwähnen sollte." Als Birgit Wetzig-Zalkind nach besagtem Ehevertrag fragte, konnte die Sammlung ihr nur dessen Aufhebung von 1936 präsentieren. "Der Inhalt interessierte mich natürlich brennend", so Wetzig-Zalkind. Sie telefonierte sich durch diverse Ämter und landete letztlich beim Amtsgericht Charlottenburg. Nach gut vier Monaten und der Zustimmung der Familie bekam sie den Vertrag: Darin schloß Marlene Dietrich ihren Mann von allen zukünftigen Einnahmen aus. Das ist erstaunlich aus zwei Gründen: Zum einen war sie zu diesem Zeitpunkt noch ein kleines Licht, ihr Mann verdiente viel mehr. Zum anderen war dieses Ansinnen für eine Frau in dieser Zeit nicht nur einen Monat nach der Geburt der gemeinsamen Tochter extrem ungewöhnlich. Wetzig-Zalkind mutmaßt, daß Dietrichs Ehe damals schon einen Riß hatte, vielleicht durch einen Seitensprung des Mannes. Es war vor allem die hartnäckige Recherche, die die Autorin in den neun Monaten weiterbrachte. Aber manchmal war es auch ganz einfach Glück: Einmal zum Beispiel besuchte sie eine Freundin, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Als Wetzig-Zalkind von ihrem Buchprojekt erzählte, erinnerte die Freundin sie an einen gemeinsamen Bekannten in New York. Dessen gerade verstorbener Freund Hanns war der erste Manager von Marlene. "Das hatte ich ganz vergessen", sagt Wetzig-Zalkind kopfschüttelnd. Sie rief sofort an. Ihr Bekannter sprudelte nur so vor Geschichten. "Ich konnte gar nicht so schnell mitschreiben. Als erstes erzählte er, daß Marlene dem jüdischstämmigen Hanns das Leben gerettet hätte." Die Geschichte wird in ihrem Buch nur kurz erzählt. Das Material ist zu umfangreich, um in diesem Buch wiedergegeben zu werden. "Da schlummert vielleicht noch ein interessantes Buch, das in der Roscherstraße 5 in Charlottenburg beginnt", freut sich Wetzig-Zalkind. Als sie einmal angefangen hatte mit der Recherche, bekam die Arbeit eine Eigendynamik, rollte los wie eine Lawine. Auf einmal gab ihr auch ihre Ärztin einen Tip: Vor zwei Jahren sei ein Kollege in Steglitz bei Renovierungsarbeiten auf alte Krankenakten gestoßen. Es soll auch die von Marlene dabei gewesen sein. Die Autorin machte sich auf die Suche nach dem Arzt und fand ihn nach diversen Telefonaten sogar: "Wir trafen uns und er zeigte mir die Akte, die mich durchaus überraschte." Natürlich wollte sie die Akte veröffentlichen. Doch sie fragte zuerst die Familie. Das war Fairness, die ihr die Dietrich-Tochter Maria Riva, die selbst gerade ein Buch über ihre Mutter herausgibt ("Nachtgedanken", Bertelsmann, 192 Seiten, 20 Euro) mit einem Vorwort dankte. Allerdings gaben sie die Krankenakte nicht frei. Die Akte birgt ein brisantes Detail. Verraten will es Wetzig-Zalkind nicht. "Ich kann verstehen, daß die Familie diese Akte nicht öffentlich machen will." Aber immerhin kann sie ausplaudern, daß Marlene immer sofort behandelt werden wollte. Daß sie keine Rechnung wollte und den Arzt immer gleich in bar bezahlte. Die Autorin entdeckte
für ihr Buch den Menschen Marlene hinter der Diva. Ihr Fazit: "Je
mehr ich mich mit der Dietrich beschäftigte, desto interessanter
wurde diese Person, die für mich früher eigentlich doch nur
schön war." Dirk Krampitz |
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Der Tagesspiegel - Andreas Conrad - 7. 12. 2005
Bild am Sonntag - Berlin - 6. 11. 2005
Bild-Zeitung - 7. 11. 2005 (keine größere Abb.)
B.Z. - 7. 11. 2005 (keine größere Abb.)
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